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Freitag, Januar 23, 2009

Morgenlicht

Heute Morgen war der Himmel mit einem wunderschönen Orange-Gelb-Rot-Rosa überzogen. Die Schneeberge leuchteten weiss und weit und meine Seele sog alles Licht in sich auf.

"Du legst dein Licht in allen Farben
um meine weisse Einsamkeit.
Ich fühle sie an meinen Narben
wie Balsam einer leichten Zeit.

Die Rosen starben meinem Leben,
das sich verschloss vor jeder Hand.
da kommt dein reines, reiches Geben
in mein verschollnes Trauerland.

Du krönst mein Leid mit Sterndemanten,
und Sonnen deiner jungen Glut
entzünden wieder rot mein Blut.

So ist vielleicht das Blühn entstanden:
von Gott geküsst, im Ding entbrannt,
und von den Engeln Licht genannt."


Rose Ausländer

Donnerstag, November 13, 2008

Nebeltag



Novembertag

"Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
dringt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus;
alles fällt von Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
stiller die Gebärde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund
träumen Mensch und Erde."


Christian Morgenstern

Dienstag, November 11, 2008

Martinstag



Nachruf

"Gib mir den Mantel, Martin,
aber geh erst vom Sattel,
und lass dein Schwert, wo es ist,
gib mir den ganzen."


Ilse Aichinger

Mich hat dieses Gedicht sehr nachdenklich gemacht. Als Kind habe ich die Martinslegende oft gehört. Der heilige Martin zerschneidet seinen Mantel und schenkt die Hälfte einem frierenden Bettler.

In Ilse Aichingers Gedicht bin ich nun selber die Bittende. Ich bin selbstbewusst und fordere Martin auf, mir den Mantel zu schenken und zwar den ganzen, was soll ich mit einem halben? Ich bitte ihn sogar, vom Pferd zu steigen damit wir auf Augenhöhe sind und das Schwert, das Symbol der Macht, stecken zu lassen.

Dienstag, Oktober 28, 2008

EIN WELKES BLATT. . .

"Ein welkes Blatt - und jedermann weiss: Herbst.
Fröstelnd klirren die Fenster zur Nacht.
O grüne Welt, wie grell du dich verfärbst!

Schon raschelt der Winter im Laube.
Und die Vögel haben, husch, sich aus dem Staube
gemacht.

Wie letzte Früchte fielen ihre Lieder vom Baum.
Nun haust der Wind in den Zweigen.

Die Alten im Park, sie neigen
Das Haupt noch tiefer. Und die Liebenden
Schweigen.

Bald sind alle Boote im Hafen.
Die Schwäne am Weiher schlafen
Im Nebellicht.

Sommer - entflogener Traum!
Und Frühling - welch sagenhaft fernes Gerücht!

Ein welkes Blatt treibt still im weiten Raum,
Und alle wissen: Herbst"

Mascha Kaléko
1907 - 1975

Dienstag, September 23, 2008

Schiffe




"Einer meint: Die Reiter, ein anderer:
Fussvolk. Mancher: Schiffe seien
der dunklen Erde schönstes Gut."

Sappho

Dienstag, September 16, 2008

Ars poetica

"Wenn du es besingst, erwähn es nicht
das Meer, sag Delphin,
Alge sag, sag Blues
oder
über Matrosen, versunkene Berge
Jod und Strömung
über Salz, Taucher, Leuchttürme
über Galeeren, Fossilien, Korallen
über Erosion, Rheuma, Sand
über Rhythmus
über die Gebärmutter
über Schiffbrüche
über die Läden der Fenster, Kristalle und
Abenteuer, die Seekrankheiten, sowie Handel
mit Seide und weisser Kleidung
über Kapitäne, die als letzte sterben
über Prostituierte, die nicht hoffen . . .

Mit nichts vergleich es, ersetz es nicht
- bei so viel Licht und so viel Leben!
- bei so viel Tiefe und solchen Haien!
Sag nicht Meer - es wird dich nur besprühen
ohne Illusionen!


Katica Kjulavkova
Aus dem Makedonischen von Ulrike Draesner

Sonntag, August 31, 2008

Sehnsucht nach dem Meer




Für die mit der Sehnsucht nach dem Meer

"Schiffe fahren in meinen Träumen,
Schöne schuppige Schiffe über die Dächer,
Und ich Armer,
Seit Jahren mit meiner Sehnsucht nach dem Meer
"Sehe und sehe und weine."

Ich erinnere mich, wie ich die Welt zum ersten Mal sah
durch den Spalt einer Muschel.
Das Grün der Wasser, das Blau des Himmels,
Die geflammte Zeichnung der Pfauenlippfische.
Immer noch fliesst mein Blut salzig,
Wo mich die Muschel schnitt.

Wie Verrückte zogen wir
Mit dem schneeweissen Schaum in die Weite,
Mit dem Schaum, der nicht schlechtherzig ist,
Mit dem Schaum, der den Lippen gleicht.
Mit dem Schaum, dessen Beischlaf mit uns
Keine Schande ist.

Schiffe fahren in meinen Träumen,
Schöne schuppige Schiffe über die Dächer.
Ich Armer,
Seit Jahren mit meiner Sehnsucht nach dem Meer."

Aus dem Türkischen von Yüksel Pazarkaya

Das Meer ruft. . .
Ich bin für zwei Wochen weg und wünsche euch von Herzen eine gute Zeit!

Montag, August 18, 2008


"Eine weiche See umspült das Haus
Eine See aus Sommerluft
Und hebt und senkt das magische Boot
Auf sorgenfreiem Kurs -
Der Schmetterling ist Kapitän
Die Biene Steuermann
Und als vergnügte Mannschaft
Heuert ein Weltall an.
"

Emily Dickinson

Donnerstag, Juli 03, 2008

"Von den Kindern"


"Sprich zu uns über die Kinder", bat eine Frau, die einen Säugling an ihre Brust drückte.
Und er sagte:
"Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des
Lebens nach sich selbst.
Sie treten durch euch in die Welt, aber nicht aus euch,
Und obgleich sie bei euch sind, gehören sie euch
doch nicht.

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie habe ihre eigenen.
Ihrem Körper dürft ihr ein Haus schenken, aber
nicht ihren Seelen,
Denn diese wohnen im Haus des Morgen, das ihr
selbst in euren Träumen nicht zu betreten vermögt.
Ihr mögt danach streben, wie sie zu sein, doch
versucht nicht, sie euch gleich zu machen,
Denn das Leben schreitet weder zurück noch verharrt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, die eure Kinder als lebendige
Pfeile verlassen.
Der Schütze visiert das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit an.
Er beugt euch mit Seiner Macht,
auf dass Seine Pfeile rasch und weit fliegen.
Lasst euch froh durch die Hand des Bogenschützen biegen,
Denn Er liebt den standhaft verharrenden Bogen,
ebenso wie den davonschnellenden Pfeil."

Khalil Gibran, aus: "Der Prophet"

Fotos: Lucia Aronsky

Mittwoch, Mai 21, 2008

Zeit

Vom richtigen Gebrauch der Zeit

"Ich habe dich
heute morgen
nicht zum Bahnhof begleitet
ich hatte soviel zu tun
und brauchte sie dringend
die halbe Stunde.

Doch kaum warst du weg
sass ich da
und war
eine ganze Stunde lang traurig."

Franz Hohler

Dienstag, Mai 20, 2008

"Mai II"




"Mit Maiglöckchen
läutet das junge Jahr
seinen Duft

Der Flieder erwacht
aus Liebe zur Sonne
Bäume erfinden wieder ihr Laub

Wolken umarmen die Erde
mit silbernem Wasser
da wächst alles besser

Schön ists im Heu zu träumen
dem Glück der Vögel zu lauschen

Es ist Zeit sich zu freuen
an atmenden Farben
zu trauen dem blühenden Wunder

Ja es ist Zeit
sich zu öffnen
allen ein Freund zu sein
das Leben zu rühmen"

Rose Ausländer

Montag, Mai 19, 2008

Frühlingslied

Humanistisches Frühlingslied

"Amsel, Drossel, Star und Fink
singen Lieder vom Frühlink,
machen recht viel Federlesens
von der Gegenwart, dem Präsens.
Krokus, Maiglöckchen und Kressen
haben längst den Schnee vergessen,
auch das winzigste Insekt
denkt nicht mehr ans Imperfekt.
Hase, Hering, Frosch und Lachs,
Elke, Inge, Fritz und Max -
alles, alles freut sich nur
an dem Jetzt. Und aufs Futur."

Heinz Erhardt

Samstag, April 19, 2008


"Dich kenne ich, dich lieb ich,
dich sah ich wachsen
Holz.
Darum,
so ich dich anrühre,
antwortest du
wie ein geliebter Leib,
du weisest mir
deine Augen und deine Fasern,
deine Knorren, deine Male, deine Adern,
die reglosen Flüssen gleichen.
Ich weiss,
was sie
singen
mit Windes Stimme,
ich lausch der stürmenden Nacht..."

Pablo Neruda

Donnerstag, April 17, 2008

Meergedicht

"der Lärm des Wassers der in den Steinen rollt
Töne von ruhiger Nacht gewoben über dem Meer
diese Sprachen von denen ich nichts weiss und die zu mir sprechen

auf meinem Tisch, nah meiner Hand, habe ich
lange Zeit vom Meer bearbeitete Kiesel
sie berühren, das ist als könnten die Finger
mitunter Licht in das Denken bringen"

Lorand Gaspar
Aus dem Französischen von Joachim Sartorius

Samstag, April 05, 2008

Gedicht über das Meer


"marines Gedicht Nr. XII

manchmal liegt eine Ruhe vor,
als resümiere das Meer seinen bisherigen Eindruck.

bis es auf kurz oder lang, schlüssig wie eh und je,
das Land wieder laut vor sich her schiebt."

Ron Winkler

Freitag, März 28, 2008

Meer

"Als teilte sich das Meer
Und zeigt ein weiteres Meer -
Und das ein weiteres - und die drei
Nur Vorbereitung wär'n

Für Meere Zeit um Zeit -
Von keinem Strand erreicht -
Ein jeder Rand von neuem Meer -
Das wäre Ewigkeit"

Emily Dickinson
Aus dem Amerikanischen von Lola Gruenthal

Freitag, Februar 22, 2008

Sehnsucht


"Sehnsucht nach dem Anderswo

Drinnen duften die Äpfel im Spind,
Prasselt der Kessel im Feuer.
Draussen pfeift Vagabundenwind
Und singt das Abenteuer.

Der Sehnsucht nach dem Anderswo
Kannst Du wohl nie entrinnen:
Nach drinnen, wenn Du draussen bist,
Nach draussen, bist Du drinnen."


Mascha Kaléko

Montag, Dezember 10, 2007

Nur die Liebe . . .

"Nur die Liebe vermag den Wandel vom Dunkelsein zur Lichtwerdung zu vollbringen. Die Liebe will immer Weihnachten feiern, will anzünden und angezündet werden, beschenken und behangen werden mit bunterlei Sternen .
Störe die Weihnacht nicht -
über sie leuchtet der Engel der Liebe . . .
Trenne Liebende nicht -
über sie leuchtet der Stern der Weihnacht."


Else Lasker-Schüler

Dienstag, November 27, 2007

Mondnacht


Es war, als hätt' der Himmel
Die Erde still geküßt,
Daß sie im Blütenschimmer
Von ihm nun träumen müßt.

Die Luft ging durch die Felder,
Die Ähren wogten sacht,
Es rauschten leis die Wälder,
So sternklar war die Nacht.

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus.

(Joseph Freiherr von Eichendorff)

Sonntag, November 25, 2007

November

"Solchen Monat muss man loben:
Keiner kann wie dieser toben,
Keiner so verdriesslich sein
Und so ohne Sonnenschein!
Keiner so in Wolken maulen,
Keiner so mit Sturmwind graulen!
Und wie nass er alles macht!
Ja, es ist 'ne wahre Pracht!

Seht das schöne Schlackerwetter!
Und die armen welken Blätter,
Wie sie tanzen in dem Wind
Und so ganz verloren sind!
Wie der Sturm sie jagt und zwirbelt
Und sie durcheinanderwirbelt
Und sie hetzt ohn' Unterlass:
Ja, das ist Novemberspass!"

Heinrich Seidel
1842 - 1906